Landschaftsgärtner am Zapfenbach
07.05.25

Quelle: Rheintaler, 6.5.2025/ Yves Solenthaler
Um Bäume vor Biberschäden zu schützen, wurden sie bisher mit Maschendrahtzaun oder Plastik geschützt. Seit letztem Jahr verwendet der Zweckverband Rheintaler Binnenkanal eine wirksame Biberschutzpaste.
Am Zapfenbach neben dem Baggersee in Kriessern bauten Biber seit Langem in jedem Jahr drei Dämme. Dadurch wurden viele Fische zwischen zwei Dämmen eingesperrt. Auf Geheiss des Fischereiaufsehers wurden die Biberdämme im Frühling entfernt. Das hatte zur Folge, dass die Biber parallel zum Baggersee nur noch einen Damm bauten – am genau gleichen Ort, an dem sich schon vorher einer befand. Ein elektrisch geladener Draht verhindert, dass das Bauwerk zu hoch wird.
Bei einem Besuch des Damms mit Sascha Weder, Geschäftsführer des Zweckverbands Binnenkanal, war der Draht allerdings nicht geladen –manchmal machen sich Passantinnen und Passanten einen Spass daraus, den Strom abzustellen. «Es macht allerdings nichts: Die Biber wissen inzwischen, dass der Draht unter Strom steht.» Dennoch schaltet ihn Weder wieder ein. Der Biber gewöhnt sich auch schnell daran, wenn er weg ist.

Der Biber wirkt wie ein Landschaftsgärtner

Der Biber kann wie kein anderes Tier seine Umgebung seinen Bedürfnissen anpassen. Indem er Bäche staut und so stehende Gewässer schafft, also Dämme wie am Zapfenbach baut, schützt er sich vor Feinden, vergrössert seinen Lebensraum und kann Holz problemlos übers Wasser transportieren. In die Uferböschung gräbt er Löcher (für seinen Bau) und er kann Bäume auf einer grossen Fläche fällen – sein Wirken erinnert an einen Landschaftsgärtner für seine Umgebung.
So faszinierend das Verhalten des Bibers auch ist, seine Bautätigkeit kann Schäden verursachen. Etwa, wenn er an kleinen Gewässern Ackerland flutet oder gar Wege umgräbt. Etwa 400 Meter weiter südlich am Zapfenbach hat der Biber einen Damm direkt am Abflussrohr des gegenüberliegenden Beckens erstellt. Dadurch besteht die Gefahr, dass er das Rohr verstopft. Die Stelle wurde mit dem Biberverantwortlichen des Amts für Natur, Jagd und Fischerei gesichtet. Weder sagt, die Hölzer des Damms würden um ein paar Meter verlegt, in der Hoffnung, dass der Biber seinen Damm dort baut, wo kein Abfluss ist.

Viele Waldbesitzer stören sich am Nagetier, weil es Bäume benagt und so fällen kann. Die Bäume am Binnenkanal und auch am Zapfenbach werden deshalb unten am Stamm eingefasst: Für kleine Bäume gibt’s Plastikeinfassungen, die etwa fünf Jahre halten. Bei grösseren Gehölzen wird Maschendraht verwendet, der jedes Jahr erneuert werden muss. Dazu muss jeweils rund um die Bäume gemäht werden. Es sind wirksame Methoden, aber der Aufwand ist beträchtlich. Weder sagt: «Wir haben 26 Kilometer Ufer und etwa alle 30 Meter einen Baum.» Das sind rund 1700 Bäume.

Schälschutzpaste bringt Zeit- und Kostenersparnis

Entsprechend gross ist der Aufwand, auch der finanzielle. Oder war er bisher. Denn im letzten Jahr startete Weder einen Versuch mit einer Biberschutzpaste, einer sogenannten Schälschutzpaste. Das ist Quarzsand, der am Stamm aufgetragen wird auf einer Schicht Harz, damit er kleben bleibt. Die ersten Rückmeldungen waren zwiespältig: An einigen Orten wirkte die Schälschutzpaste, an anderen nicht. Sascha Weder ging der Sache auf den Grund: «Dort, wo die Paste korrekt angewendet wurde, funktionierte sie. Bei den anderen Bäumen lag der Fehler demnach bei der Anwendung.» Das konnte behoben werden, die Versuchsphase wurde erfolgreich abgeschlossen und die Anwendung der Schälschutzpaste wird zum Normalfall an den Orten, an denen es sinnvoll ist – gerade bei den grösseren Bäumen.
Der Zweckverband Rheintal sagt, dass dadurch die Kosten gesenkt werden können. Zwar ist die Installierung der Schälschutzpaste etwa doppelt so teuer wie Plastik oder Maschendrahtzaun. Aber weil sie länger hält – nach Verpackungsangabe während zehn Jahren – und die Bäume nicht ausgemäht werden müssen, seien die Gesamtkosten geringer. «Wie gross die Ersparnis ist, können wir nicht sagen», sagt Ralph Lehner, Verwaltungsratspräsident des Zweckverbands Rheintaler Binnenkanal. «Weil wir die Paste erst seit letztem Jahr anbringen, fehlen uns Vergleichsdaten.»

«Konflikte mit dem Biber immer langfristig lösen»

Geschäftsführer Sascha Weder rät bei Konflikten mit dem Biber, immer eine langfristige Lösung anzustreben. Wildhüter oder Jagdverwalter müssen immer einbezogen werden, sie seien die geeigneten Ansprechpersonen. Der Biber ist geschützt, er darf nicht eliminiert werden – im revidierten Jagdgesetz sind je-doch unter strengen Auflagen Ausnahmen möglich. Anfang des 19. Jahrhunderts wurde der Biber durch intensive Bejagung ausgerottet, in den 1950er-Jahren begann die Wiederansiedlung. Heute leben rund 5000 Biber in der Schweiz – sie sind wichtig für die Biodiversität, weil ihre Dämme auch vielen Pflanzen und anderen Tieren einen Lebensraum bieten, was auch dem fliessenden Gewässer dient. Zudem können sie Wälder vor Flächenbränden schützen.

Biber leben in einem engen Familienverband, bestehend aus den Eltern und zwei Junggenerationen. Das Weibchen bringt jährlich zwischen Mai und Juni bis zu vier Junge zur Welt, allerdings überleben mehr als die Hälfte der Jungtiere die ersten drei Jahre nicht, obschon sie während zwei Jahren in der Familie bleiben und stark umsorgt werden. Kommt die dritte Generation zur Welt, müssen die Zweijährigen ihre Familie verlassen und sich selbst ein Revier aufbauen. Die Grösse des Reviers, das Biber gegen Artgenossen verteidigen, hängt stark vom Nahrungsangebot ab. Biber sind nachtaktiv, den Bau verlassen sie erst in der Dämmerung.

«Höchster» Biber Europas ist nicht mehr einsam

Die Familie ist den Bibern wichtig. Im Oberengadin hatte allerdings ein zehnjähriger Biber als einziger seiner Art acht Jahre ausgeharrt, bis sich Anfang Jahr eine Artgenossin zu ihm gesellte. Damit regt sich im höchstgelegenen Biberrevier Europas Hoffnung auf Nachwuchs, die biologische Uhr tickt allerdings: Ein Biber in Freiheit hat eine Lebenserwartung zwischen zehn und fünfzehn Jahren.

Bild: Biberfrass am Rheintaler Binnenkanal